Warum
begehen wir am 27. Januar in unseren Gemeinden diesen Gedenktag? Weil es alle christlichen Gemeinden und Kirchen tun, und wir
uns verpflichtet fühlen, mitzumachen? Auf jeden Fall ist es für uns anders als in
anderen Ländern. In Deutschland wird es immer ein wichtiges Element
bleiben, weil wir im Land der Täter leben. Aber Gedenken um des
Gedenken willens ist nur ein Ritual.
2007 sagte der damalige Europakommissar Jan Figel anlässlich des Holocaustgedenktages in Brüssel: „Der Holocaust ist nicht nur eine Tragödie die in der Vergangenheit geschah, sondern etwas woran man immer wieder erinnert werden muss, um nicht die Fehler der Vergangenheit zu wiederholen“.
Ich
meine auch, heute gehört zum Gedenken auch das Mahnen und den Blick
auf die Gegenwart zu lenken.
Wie
steht es um unser Land?
Im
vergangenen Jahr fand eine Umfrage durch das Magazin Focus heraus,
das jeder 5. Deutsche unter 30 Jahren keine Ahnung hat, was Auschwitz
eigentlich war. Was wissen wir Deutschen über den Holocaust?
Haben wir die Vergangenheit bewältigt? Können bei uns Juden wieder
in Frieden leben uns sich bei uns wieder wohlfühlen? Ist in unserer
Gesellschaft Hass gegen Juden ausgemerzt? Und das Land der Juden –
Israel? Besteht eine gute Beziehung zwischen Deutschland und Israel?
Die
Fragen lassen sich Gott sei Dank nicht mit einem klare NEIN, aber
leider auch nicht mit einem klaren JA beantworten. Solange auf
deutschen Schulhöfen „Jude“ als Schimpfwort gilt, Menschen
beleidigt oder gar angegriffen werden, weil sie als Juden zu erkennen
sind, ist solange in Kirchen und in intellektuellen Kreisen
hochmütige Moralprediger einseitige Kritik dem Staat Israel
gegenüber äußern und helfen, dass alte Ressentiments wieder
wachgerufen werden und Antisemitismus begünstigt wird, und solange
nicht mal vor Boykottaufrufen gegen israelische Waren
haltgemacht wird, solange steht es nicht so gut um unser Land.
„Ich
will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen.“
Das Wort Gottes an Abraham gerichtet, sollten eigentlich wir Nationen
uns zu Herzen nehmen.
Wir
Christen können diesen Gedenktag nützen, um für unser Land zu
beten, dass Gott Gnade hat, dass die Bevölkerung ihre Ressentiments
überwindet und eine Liebe zu Israel aufkeimt.
Wir
können für unsere Regierung beten, dass die Verantwortlichen ihre
Entscheidungen auf christlichen Werten beruhen lassen und sich zu
Israel stellen, auch dann, wenn ihnen das Schicksal der Palästinenser
wichtig ist. Wir können für die Christen im Land beten, dass Israel
ein Thema in den Gemeinden wird. Wir können vor allem auch für die
Medien beten, dass sie durch eine gerechte, ungefärbte möglichst
wahrheitsgemäße Berichterstattung ein unverfälschtes Bild über
Israel verbreiten. Haben doch die Medien sehr viel Macht, die
öffentliche Meinung zu beeinflussen und damit zu fördern, ob Israel
verflucht oder gesegnet wird.
Es
gehört Mut dazu, sich gegen die allgemeine Meinung zu stellen,
leider ist es heute auch mutig, Juden oder Israel zu verteidigen.
Heute wie damals, zur Zeit des Dritten Reiches. Nur dass man heute
höchstens Angst haben muss, seine Zuhörer oder seinen Ruf zu
verlieren. Damals musste man Angst haben, seine Freiheit oder sein
Leben zu verlieren.
Ein
Beispiel von einem Menschen, der damals keine Angst hatte, Juden zu
verteidigen, möchte ich hier vorstellen.
Es dreht sich um Otto Mörike und seine Frau Gertrud.
Er
war Pfarrer in der Evangelischen Kirche und Mitglied im
Reichsbruderrat der Bekennenden Kirche von Württemberg. Der
Bruderrat half Juden und stellte ihnen Zufluchtsorte zur Verfügung.
Mörike
stellte sich von Anfang an den Nazis entgegen. Er und seine Frau
Gertrud verfassten regimekritische Aufsätze gegen Hitlers Politik.
Währen
andere schwiegen, beklagte Otto Mörike auch immer wieder öffentlich die Existenz der Konzentrationslager und die Verbrechen, die
die Gestapo ungestraft beging. Die Aggression der Regierung gegen die
Kirche und den christlichen Glauben, sowie auch die Abschaffung einer
gerechten Gerichtsbarkeit und der Verfall jeglicher Moral, sah Mörike
als Beginn einer Entwicklung voraus, die Verdammung von Gott auf sich
ziehen würde und damit auch die Zerstörung des Landes.
Er
erntete für diese Äußerungen zweimal Angriffe einer wütenden
Menschenmenge, die von SA Leuten angeführt wurde. Er wurde schwer
misshandelt bevor er inhaftiert wurde. Seine Stellung als Pfarrer in
Kirchheim/Teck verlor er danach.
Im
November 1943, versteckten Otto und seine Frau das jüdische Ehepaar
Max und Karoline Krakauer in ihrem Haus in Flacht, zusammen mit einem
verletzten Pflegekind, ihren eigenen fünf Kindern und noch weiteren
Personen. Um jeglichen Verdacht von sich abzulenken, trat Mörike mit
dem jüdischen Paar in der Öffentlichkeit auf und erklärte allen,
sie seien aus Berlin geflohene arische Bekannte.
Max und Karoline Krakauer
Die
Krakauers konnten ohne Meldung bei der Polizei nicht länger als vier
Wochen in Flacht bleiben, aber Mörike fühlte sich verantwortlich
für das Paar und organisierte bis zum Ende des Krieges andere
geheime Unterkünfte für sie.
Am
3. Nov. 1970 beschloss die israelische Organisation „Yad Vashem“,
Otto und Gertraud Mörike als Gerechte unter den Völkern
anzuerkennen.


