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19.2.08

A.B. Yehoshua zum Konflikt

Der israelische Schriftsteller A.B. Yehoshua hat sich in einem Interview mit der Haaretz zum israelisch-arabischen Konflikt und dem zweiten Libanonkrieg geäußert. Angesichts der aktuellen Situation im Gaza-Streifen zweifelt der 71jährige zunehmend am Willen der Palästinenser, eine Zwei-Staaten-Lösung herbeizuführen.

Dabei verweist er vor allem anderen auf das Verhalten der Hamas, die nach der Abkoppelung vom Gaza-Streifen ihren andauernden Beschuss auf Israel fortsetze, anstatt zu sagen: „Seht, sie haben sich sogar ohne ein Abkommen zurückgezogen, sind geflüchtet. Jetzt nehmen wir Gaza und bauen es auf und investieren hier Gelder.“ Dies hätte Israel einen Anreiz gegeben, auch Judäa und Samaria zu verlassen.

Yehoshua beharrt trotz allem auf der Zwei-Staaten-Lösung, da es sich hier um „zwei völlig verschiedene Völker“ handele, in Bezug auf „Religion, Kultur und Sprache“. „Es sind zwei Existenzen, zwischen denen in wirtschaftlicher Hinsicht ein Abgrund besteht.“

In Anbetracht der palästinensischen Praxis von Selbstmordanschlägen meint der Schriftsteller dabei, dass Juden und Araber verschiedenen moralischen Codes folgen würden: „Ich glaube nicht, dass es während des Holocaust jemanden gegeben hat, der seinem Sohn gesagt hätte, sich in die Luft zu sprengen. Und ich rede hier noch nicht einmal von der Ermordung deutscher Kinder, sondern lediglich davon, sich innerhalb der deutschen Armee in die Luft zu sprengen, die einen ermorden wollte. Wir wollen sie nicht vernichten, und sie verteilen Süßigkeiten in Gaza. Nachdem sie gesehen haben, dass sie Kinder und Alte getötet haben, verteilen sie Süßigkeiten?! Ihr Selbstmord rührt nicht etwa nur von hier her. Man sieht ihn im Irak, man sieht in an allen möglichen Orten. Sie ermorden ihre Brüder, ihre eigenen Leute ermorden sie.“

Ungeachtet der Tatsache, dass Yehoshua am Ende des zweiten Libanonkriegs gemeinsam mit den Schriftstellern Amos Oz und David Grossman zu einem Waffenstillstand aufgerufen hatte, lässt er nach wie vor keinen Zweifel daran, dass er die israelische Offensive grundsätzlich und von Anfang an unterstützt hat: „Auf jeden Fall habe ich zugestimmt. Eine militärische Organisation, die keinen Staat kontrolliert, die Tausende Raketen abgefeuert und verkündet hat, den Staat Israel zu vernichten, entführt zwei Soldaten, tötet acht, lässt Katyushas regnen. Was soll ich da tun?“

Auch das Ergebnis des Krieges bewertet er positiv: „Es kamen alles in allem gute Dinge dabei heraus. Eine internationale Truppe ist an der Grenze stationiert. Dass plötzlich große Probleme in der Armee offensichtlich werden? Es lässt sich sagen: Gut, dass dies in diesem begrenzten Krieg entdeckt wurde. Aber grundsätzlich wurde der libanesischen Regierung übermittelt: Meine Herren, es kann nicht angehen, dass ihr eine Organisation habt, die ihr nicht kontrolliert. D.h. ihr sitzt in Beirut und spielt dort im Kasino, und es gibt hier irgend so eine wahnsinnige Organisation. Man stelle sich vor, wir würden den Arabern sagen: Seht, wir sind ein friedliebendes Land, aber wir haben eine Luftwaffe, die verrückt ist, und hin und wider holt sie ihre Flugzeuge raus und bombardiert euch.“ (gekürzt)

Nachzulesen in Hagalil.com

A.B. Yehoshua ist einer der meistgelesenen Autoren Israels. Er wurde 1936 in Jerusalem geboren und lebt in Haifa, wo er an der Universität lehrte. Die Familie seines Vaters lebte seit fuenf Generationen in Jerusalem, seine Mutter stammt aus Nordafrika.

26.7.07

Interview mit Tony Judt

Der Historiker Tony Judt * gab einer Reporterin der TAZ ein Interview über den Begriff der Diaspora im Zusammenhang mit der Identifikation der Juden in den USA und Europa mit ihr und Israel.

Hier die wesentlichen Auszüge aus dem Interview:

TAZ: Spaltet sich die jüdische Diaspora?

In gewisser Weise ja. Die Israel-Lobby ist nicht rein jüdisch, sie umfasst auch christliche Gruppen, ist aber eine politische Institution, die nahezu ausschließlich in Washington existiert. In politischen Fragen ist die Mehrheit der amerikanischen Juden eher liberal als konservativ. Nur in Bezug auf Israel kommt es zu solch einer Spaltung, aber nicht nur als Spaltung innerhalb der Gemeinde, sondern als eine Spaltung des öffentlichen Diskurses.

TAZ: Muss sich die Diaspora durch das Verhältnis zu einem Territorium, in diesem Fall, Israel definieren?

Ja, das ist ein interessantes Paradoxon. Amerikanische Juden sprechen nicht Jiddisch, auch nicht Hebräisch, sie gehen nicht in die Synagoge, sie sind völlig amerikanisch. Ihr Judentum bestimmt sich durch zwei Momente: durch eine Identität im Raum, das ist die Identifikation mit Israel, Und durch eine Identität in der Zeit, eine Identifikation mit Auschwitz. Jude sein in Amerika bedeutet, Auschwitz erinnern und Israel unterstützen, weil Israel der beste Schutz vor einem neuen Holocaust ist. Und das ist sehr spezifisch amerikanisch, auch wenn ein paar französische Intellektuelle versuchen, das zu reproduzieren oder zu importieren.

TAZ: Wie sollte sich die Diaspora dann definieren? Etwa antizionistisch?

Nein, ich denke nicht, dass sie antizionistisch sein sollte, aber wir können nicht so weitermachen, Juden, wenn sie in anderen Ländern Staatsbürger sind, identifizieren sich auch mit Israel, wenn Israel Dinge tut, die antiisraelische, antijüdische Gefühle hervorruft. Auf gewisse Weise produziert die Diaspora den Antisemitismus - durch ihre Weigerung, eine Differenz zwischen sich und dem unabhängigen Staat Israel zu machen. Wir müssen eine Wahl gegen solch eine negative Diaspora treffen. Das bedeutet, dass Juden in Amerika, in England oder in Österreich einen Weg finden müssen, Jude zu sein und Österreicher. Die liberale Geschichte der Diaspora muss eine der Integration sein. Es gibt keinen dritten Weg.

TAZ: In Ihrem Buch "Geschichte Europas von 1945 bis zur Gegenwart" schreiben Sie, dass die Erinnerung an die Schoah die Humanität des heutigen Europas garantiert. An Israel kritisieren Sie aber genau dieses Erinnern.

In Frankreich, Österreich oder Polen ist das Erinnern an die Ereignisse des Zweiten Weltkriegs absolut zentral für die Identität Europas. Und wenn sie nicht mehr erinnert werden können, müssen sie gelehrt werden. Sie sind das Kernstück unserer kollektiven Identität. Aber in Israel ist dieses Erinnern pervertiert. Dort ist es das wesentliche pädagogische Werkzeug, das Israelis lehrt, sie seien immer Opfer, das Loyalität mit Israel erzeugt - kurz, es ist das, was Israel daran hindert, ein normaler Staat zu werden.


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*) Der britische Historiker, Author und Professor Tony Judt leitet das Remarque Institut in New York. Er ist ein Experte bezüglich der Geschichte Europas und hat aufschlussreiche kritische Analysen und Essays über die Politik Israels sowie umfangreiche Werke, wie : „Geschichte Europas 1945 bis zur Gegenwart“ geschrieben.

taz.de

Israel, die Alternative (von Tony Judt)